TY - THES AB - Die vorliegende Dissertation verortet sich im Diskurs der Komparativen Theologie und widmet sich der systematisch-theologischen Herausforderung einer christlichen Würdigung des Propheten Muḥammad. Im Zentrum der Untersuchung steht das Konzept der Fremdprophetie, welches als hermeneutischer Schlüssel herangezogen wird, um die prophetische Qualität Muḥammads aus christlicher Perspektive zu evaluieren. Ein entscheidendes Kriterium für die theologische Anerkennung prophetischer Autorität stellt dabei die charakterliche Integrität der jeweiligen Figur dar. Methodisch nähert sich die Arbeit dieser Fragestellung durch detaillierte koranexegetische Fallstudien. Unter stringenter Anwendung der historisch-kritischen Koranexegese werden ausgewählte Textpassagen Vers für Vers deskriptiv analysiert. Die Basis dieser philologisch-theologischen Untersuchung bilden der arabische Text der Kairiner Koranausgabe sowie die deutschen Übersetzungen von Hartmut Bobzin und Hans Zirker. Die Auswahl der Fallstudien erfolgt dabei keineswegs arbiträr. Vielmehr konzentriert sich die Untersuchung gezielt auf jene biographischen Episoden, die in der christlichen Rezeptionsgeschichte traditionell als die massivsten Hindernisse für eine theologische Anerkennung Muḥammads gelten: den Vorwurf der Massenhinrichtung eines jüdischen Stammes sowie die Eheschließung mit seiner vormaligen Schwiegertochter. Die Untersuchung geht von der Prämisse aus, dass eine glaubwürdige christliche Würdigung sich unweigerlich diesen konfliktbeladenen und moralisch umstrittenen Elementen stellen muss. Dabei erschöpft sich die Arbeit ausdrücklich nicht in einer rein apologetischen Verteidigung des Propheten. Sie vermag vielmehr aufzuzeigen, dass gerade die exakte koranexegetische Durchdringung dieser vermeintlichen Ausschlusskriterien unerwartete, konstruktiv-positive Anknüpfungspunkte für eine theologische Würdigung aus christlicher Perspektive freilegt. Die erste Fallstudie widmet sich der politisch-militärischen Integrität anhand des Schicksals der Banū Qurayẓa nach der Grabenschlacht. Durch die methodische Trennung des koranischen Befundes (insb. Sure 33:26) von späteren hagiographischen Überformungen der Sīra-Literatur wird das traditionelle Narrativ einer willkürlichen Massenhinrichtung dekonstruiert. Die Exegese legt dar, dass die Sīra-Berichte historische Fragmente unter Rückgriff auf antike jüdische Märtyrer-Epen (wie den Fall von Masada im Josippon) narrativ überhöhten. Der Koran hingegen autorisiert eine verhältnismäßige Sanktionierung des existenzbedrohenden Hochverrats aktiver Rädelsführer im Rahmen einer spätantiken Ordnungsethik und strengen Bündnistreue (mīṯāq). Muḥammad erweist sich hierbei nicht als Urheber eines exzessiven Massakers, sondern als „Prophet der Tat“, der die Sicherheit der Rechtsgemeinschaft über die Schonung eines vertragsbrüchigen Partners stellt. Die zweite Fallstudie untersucht die personale Integrität im familiären Nahbereich anhand der Zayd-Zaynab-Episode (Sure 33:4–6; 35–40) und der Abschaffung der Adoption (tabannī). Entgegen der klassischen christlichen Polemik, die dem Propheten hier lüsternes Fehlverhalten vorwarf, erweist sich sein Handeln als strikter legislativer Gehorsam. Die koranische Intervention dekonstruiert die vorislamische Adoption als rechtliche Fiktion, um eine auf biologischer Abstammung (nasab) basierende Ordnung zu etablieren. Das in Sure 33:37 dokumentierte Zögern Muḥammads und seine Furcht vor dem sozialen Skandal (ḫašya) fungieren gemäß dem Kriterium der Peinlichkeit als Authentizitätsbeweis seiner prophetischen Vulnerabilität. Er brachte ein massives reputatives Opfer, um eine neue theozentrische Gesellschaftsordnung zu verankern. Der Verzicht auf eine rechtliche Sohnschaft Zayds verhinderte zudem eine dynastische Sukzession, wodurch Muḥammads Status als „Siegel der Propheten“ (ḫātam an-nabiyyīn) heilsgeschichtlich besiegelt wurde.Abschließend kommt die Arbeit zu dem Befund, dass sich Muḥammads Integrität in der unbedingten Unterordnung persönlicher und gesellschaftlicher Präferenzen unter den transzendenten göttlichen Willen manifestiert. Im Rahmen der Fremdprophetie begegnet er Christen somit nicht als falscher Prophet, sondern als herausfordernde Gestalt, deren Radikalität im Gehorsam und in der Herstellung von Rechtsklarheit positive Anknüpfungspunkte für eine theologische Anerkennung bietet. Schlagwörter: Komparative Theologie, Islam, Christentum, Koranexegese, Fremdprophetie, Muḥammad, Prophetologie, Interreligiöser Dialog, Historisch-kritische Methode, Banū Qurayẓa, Zayd ibn Ḥāriṯa. AU - Fastlabend, David CY - Paderborn DO - 10.17619/UNIPB/1-2534 DP - Universität Paderborn LA - ger N1 - Tag der Verteidigung: 04.09.2023 N1 - Universität Paderborn, Dissertation, 2023 PB - Veröffentlichungen der Universität PY - 2023 SP - 1 Online-Ressource (325 Seiten) T2 - Paderborner Institut für Islamische Theologie TI - Muḥammad – ein Prophet für Christen?: Koranexegetische Fallstudien zur charakterlichen Integrität im Rahmen einer christlichen Würdigung durch das Konzept der Fremdpropehtie UR - https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hbz:466:2-57683 Y2 - 2026-03-27T13:05:12 ER -