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Zusammenfassung

Der Totentanz op. 12. 2 Hugo Distlers ist dem Verständnis seines Komponisten nach explizit als liturgische Musik aufzufassen - mehr noch: Er ist zugleich Zeugnis seiner eigenen Befindlichkeit. Dies gibt er jedoch nicht auf den ersten Blick preis; sondern was er sagen will, sagt er gleichsam in verdeckter Gestalt. Um den Totentanz op. 12. 2 in seiner Janusköpfigkeit zu erschließen, bedarf es eines hermeneutischen Schlüssels, der zwischen dem Leben des Komponisten und seinen besonderen Lebensumständen in den dreißiger und vierziger Jahren in Deutschland auf der einen Seite und der Komposition auf der anderen Seite zu vermitteln. Als ein solcher Schlüssel dient der Kondolenzbrief des Theologen Dietrich Bonhoeffer an die Witwe des Komponisten, kurz nachdem dieser sich das Leben genommen hat. Aus der «Synchronizität» zwischen dem Inhalt des Briefes und den verschiedenen Textschichtungen des Totentanz' op. 12. 2 lässt sich ein ganzer Kosmos von paradoxen Aussagen herleiten, die gleichwohl nicht verdunkeln, sondern erhellen, indem sie zu Erkenntnissen führen, die jenseits der Sprache liegen und - obwohl vermittelt durch diese - in den epistemologischen Bereich der Imagination vorstoßen. Diese «Implosion» sprachlicher Antonymien setzt ein weites Geflecht von theologischen wie musikalischen Bezügen, die von der Gegenwart bis weit in die Vergangenheit reichen, frei.

Abstract

Hugo Distler's Totentanz (Danse macabre) op. 12. 2 is to be understood explicitly as liturgical music - even more: at the same time it is a testimony of his own state of mind. However, he does not reveal this at first glance; what he wants to say, he says, as it were, in a covert form. In order to open up Totentanz op.12.2 in its Janus-faced form, a hermeneutic key is required, which conveys between the life of the composer and the unique circumstances in Germany in the 1930s and 1940s on the one hand and the composition on the other. The theologian Dietrich Bonhoeffer's letter of condolence to the composer's widow shortly after he committed suicide serves as such a key. From the "synchronicity" between the content of the letter and the various textual layers in the Totentanz op. 12. 2, a whole cosmos of paradoxical statements can be derived, which nonetheless do not obscure but rather illuminate, in that they lead to a knowledge that lies beyond language and - although mediated by it - advances into the epistemological realm of imagination. This "implosion" of linguistic antonyms releases a wide web of theological and musical references that extend from the present far into the past.

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